V. Zukunft der Arzneimittel­versorgung sichern

Gesundheitspolitische Agenda für die nächste Legislaturperiode:

  • Grundlagen der Erstattungsbetragsverhandlungen reformieren: Zusatznutzen zielgenauer abbilden
  • Rückwirkung der verhandelten Erstattungspreise ab dem ersten Tag der Markt- einführung gesetzlich verankern
  • Nutzenbewertung für Arzneimittel des Bestandsmarktes und zur Behandlung seltener Leiden einführen
  • Aktuellen Stellenwert der Arzneimittel im Therapiegebiet im Arztinformations- system abbilden
  • Vollständige Transparenz in der Lieferkette herstellen
  • Beschleunigt zugelassene Arzneimittel nur in spezialisierten Zentren anwenden

Mondpreise verhindern

Der Zusatznutzen neuer Arzneimittel muss bei der Preisbildung im Vordergrund stehen. Bislang wird dieses Ziel dadurch konterkariert, dass die Preise vergleichbarer Arzneimittel sowie die Preise im europäischen Ausland ebenfalls berücksichtigt werden. Bei den Verhandlungen muss stattdessen die tatsächlich zu erwartende Ausgabenbelastung für die GKV unter Bezug auf die Größe der Patientengruppen, für die ein Zusatznutzen festgestellt wurde, zwingend einkalkuliert werden. Um die finanziellen Ressourcen der GKV gezielter für Innovationen einzusetzen, ist darüber hinaus ein Preisabschlag für Nachahmerpräparate notwendig. Nur dann ergibt sich für Arzneimittel mit gleichen oder ähnlichen Wirkstoffen ein Preiswettbewerb.

Rückwirkende Erstattungspreise einführen

Für die Hochpreispolitik der Pharmaunternehmen gibt es trotz der gesetzgeberischen Maßnahmen noch immer keine Lösung. Weiterhin können Hersteller in Deutschland für die ersten zwölf Monate den Preis ihres Arzneimittels frei festlegen und Mondpreise zulasten der GKV verlangen. Dies gilt selbst für Medikamente, die im Zuge der Nutzenbewertung keinen Zusatznutzen nachweisen können. Um das zu ändern, müssen die nach der Nutzenbewertung verhandelten Erstattungspreise rückwirkend ab dem ersten Tag des Marktzugangs gelten.

Nutzenorientierung weiterentwickeln

In der Arzneimittelversorgung muss der Weg einer stärker nutzenorientierten Versorgungssteuerung konsequent weitergegangen werden. Dazu müssen die Arzneimittel des Bestandsmarkts einer Nutzenbewertung unterzogen werden, zumindest bei Anwendungserweiterungen und bei Präparaten mit einer besonderen Bedeutung im Marktgeschehen. Auch für neue Arzneimittel zur Behandlung seltener Leiden müssen Nutzenanforderungen gelten. Menschen mit seltenen Erkrankungen haben wie alle anderen ein Recht darauf, Arzneimittel zu erhalten, deren Nutzen und Unbedenklichkeit erwiesen sind.

Die mit der letzten Arzneimittelreform vorgesehene Übertragung der Nutzenbewertungsbeschlüsse des GBA in die Praxis-Software der Ärzte ist sinnvoll und notwendig. Ärztinnen sowie Ärzte müssen zeitnah und effektiv durch eine gute Übersicht aller notwendigen Informationen unterstützt werden. Deshalb muss in der Praxissoftware auch der aktuelle Stellenwert der Arzneimittel im Therapiegebiet abgebildet werden. Zusätzlich muss eine neutrale Datenstelle im Gesundheitswesen die Software zertifizieren sowie aktuelle Preis- und Produktinformationen bündeln und zeitnah zur Verfügung stellen.

Krankenkassen mehr Gestaltungsmöglichkeiten einräumen

Um eine planbare, qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Arzneimittelversorgung zu garantieren, muss die Möglichkeit für die GKV gestärkt werden, regionale Verträge mit selektiver Verhandlungskompetenz abzuschließen. Mit dem Verbot kassenindividueller Verträge für Krebsmedikamente und Impfstoffe wurde die Chance vertan, die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung nachhaltig zu verbessern. Erst durch die Zytostatika-Ausschreibungen war es den Krankenkassen gelungen, hohe Anforderungen an die Ad-hoc-Belieferung, einen Notfallplan sowie feste Zeitspannen für die Belieferung der Arztpraxis durch die herstellende Apotheke zu definieren. In der nächsten Legislaturperiode gehören diese Einschränkungen deshalb auf den Prüfstand.

Das in Reaktion auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofes diskutierte Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ist nicht zeitgemäß und schadet den Patientinnen und Patienten. Um die Arzneimittelversorgung gerade im ländlichen Raum und für Menschen mit chronischen Erkrankungen sicherzustellen, braucht es den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Statt weniger ist hier mehr Wettbewerb um gute Versorgung angezeigt, beispielsweise durch Direktverträge der Krankenkassen mit Versandapotheken. Darüber hinaus muss das bestehende Mehrbesitz- und Fremdbesitzverbot bei Apotheken aufgehoben werden.

Mehr Transparenz in der Lieferkette schaffen

Die Rabattverträge der gesetzlichen Krankenkassen sorgen für einen Wettbewerb, in dem nachweislich auch kleine und mittlere Unternehmen gute Rahmenbedingungen für wirtschaftlichen Erfolg haben. Lieferschwierigkeiten sind vor allem auf zentrale Globalisierungsprozesse und die damit verbundene abnehmende Anzahl der Produktionsstätten zurückzuführen. Um Lieferengpässe zu vermeiden, wurden die Hersteller mit der letzten Arzneimittelreform verpflichtet, Engpässe bei Arzneimitteln zu melden, die im Krankenhaus angewendet werden. Diese Meldepflicht muss auf den ambulanten Bereich ausgeweitet werden. Vor allem aber ist mehr Transparenz über die Lagerbestände auf allen Absatzstufen (beim Fertigungsbetrieb, Hersteller, Großhandel) durch eine neutrale Stelle notwendig, damit Lieferengpässe nicht zu einem Versorgungsengpass führen. Die Rolle des BfArM muss deshalb gestärkt werden. Schließlich muss auch über eine Ausweitung der Lagerbestände nachgedacht werden, da die Hersteller ihre Lagerkapazitäten in den vergangenen Jahren deutlich reduziert haben.

Sicherheit bei Arzneimittelzulassungen erhalten

Um die Patientinnen und Patienten in Deutschland vor den Risiken unzureichend erprobter Arzneimittel zu schützen, muss auf der europäischen Ebene genauer definiert werden, in welchen besonderen Fällen Arzneimittel schneller zugelassen werden können. Zudem dürfen diese Arzneimittel in Deutschland nur in spezialisierten Zentren verordnet werden, solange noch keine ausreichenden Erkenntnisse vorliegen. Diese  Zentren müssen sich zugleich an den weitergehenden Studien beteiligen. Für die beschleunigt zugelassenen Arzneimittel muss ein vorläufiger Erstattungspreis verhandelt werden, der später aufgrund der frühen Nutzenbewertung modifiziert werden kann.

Auch bei neuen Möglichkeiten einer personalisierten oder individualisierten Diagnostik, etwa in der Krebstherapie oder zur Behandlung von HIV, hat Patientensicherheit Vorrang. Deshalb müssen diese Methoden den gleichen Qualitätsstandards genügen wie alle anderen therapeutischen Maßnahmen.

Foto Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg

Dr. Christopher Hermann
Vorstandsvorsitzender
AOK Baden-Württemberg

Die Versorgung mit Arzneimitteln muss qualitativ hochwertig und bezahlbar bleiben. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten die Rabattverträge der AOK-Gemeinschaft im Generikamarkt mit Einsparungen zugunsten unserer Versicherten in Höhe von 1,6 Milliarden Euro allein im Jahr 2016. Hier werden auch die oft beklagten Lieferprobleme, die meistens globale Ursachen haben, konsequent angegangen: Die AOK-Rabattverträge sehen Maßnahmen zur Kontrolle und Sicherstellung der Lieferfähigkeit sowie Sanktionen bei Lieferversagen vor. Die darüber hinaus für alle Arzneimittel dringend notwendige Transparenz der Lieferkette und der Vorratshaltung muss durch eine verpflichtende Meldung der Lagerbestände beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als Trustcenter sichergestellt werden. Unabhängig davon kennen Krankenkassen die Versorgungssituation vor Ort am besten. Die Möglichkeiten zum Abschluss von regionalen Verträgen mit selektiver Verhandlungskompetenz sind daher alsbald zu stärken.